Liebeserklärung an Destiny 2

Gescholten, getreten und vergessen. Ich glaube es ist nicht abwegig, die Haltung vieler Spielerinnen und Spieler zu Destiny 2 mit diesen Worten zu beschreiben. Und dieses harte Urteil ist nicht einmal ungerecht. Bungie hat viele und schwere Fehler gemacht, die an anderen Stellen genug und ausführlich besprochen wurden. Aber als kleine Erinnerungshilfe: Lootboxen, recyceltes Material, Unehrlichkeit beim Spieler-Progress und mangelnder Content. Trotzdem ist es an der Zeit, eine Lanze für das Spiel zu brechen. Denn trotz all seiner Fehler, ist Destiny ein großartiges Spiel!

Dafür gibt es vor allem zwei Gründe, wobei ich das zurecht viel gelobte Gunplay nicht einmal mitzähle. Zum Einen ist da die Destiny-Lore. Ausgerechnet also das, was viele dem Franchise vorwerfen, nämlich keine gute Geschichte zu erzählen bzw. nicht einmal eine Geschichte zu haben. Sicher, das Spiel präsentiert von einer Geschichte herzlich wenig, erzählt sie also tatsächlich schlecht oder gar nicht. Aber wenn ihr euch Zeit nehmt, die Welt erkundet, Waffen- und Rüstungsbeschreibungen durchlest, zuhört, was euch euer Ghost bei vermeintlich unbedeutenden Quest erzählt, dann taucht ihr in eine spannende und durchdachte Welt ab, die man unter der Farming-Oberfläche des Spiels gar nicht vermutet. Bungie versteht es nämlich meisterhaft, selbst kleinste Hinweise, die sich teilweise über beide Teile der Serie erstrecken, sinnvoll zusammenzufügen.

So kann man die Geschichte von Destiny 2 natürlich herunterbrechen auf: die Erde wird von den Kabalen angegriffen, die dem Reisenden seine Macht, das Licht, stehlen wollen. Der Spieler muss das verhindern, indem er den Anführer der Kabale, Dominus Ghaul, tötet. Denn das ist ja auch tatsächlich die Geschichte, die Bungie uns in der Kampagne auf die Nase bindet. Dem Großteil der Spieler dürfte dabei aber entgangen sein, dass Ghaul früher ein Ausgestoßener bei den Kabalen war, der nur durch das Wohlwollen des Konsuls (der Ghaul in der Kampagne beim Angriff auf den Reisenden zur Seite steht) und später durch den Kabalen-Imperator Calus überhaupt Anführer der Roten Legion werden konnte. Und wie viele Spieler wissen wohl, dass sich Ghaul vor dem Angriff auf die Erde, also vor dem Zeitpunkt wo für euch Destiny 2 beginnt, gegen Imperator Calus gewandt und sich selbst zum Herrscher über die Kabale aufgeschwungen hat? So befindet sich der Ex-Imperator Calus auf seinem Schiff Leviathan, auf dem im Endgame der Raid stattfindet, nämlich im Exil und arbeitet daran, seine Stellung innerhalb des Kabal-Imperiums zurück zu gewinnen. Das alles erschließt sich nur durch Details: aus Dialogen, Gegenständen in der Welt und Story-Missionen. Und der Machtkampf innerhalb des Kabalimperiums ist in Destiny ein wirklich großer Brocken. Wenn der schon nur nebenher erzählt wird, könnt ihr euch vorstellen, was es daneben noch für viele weitere Geschichten und Schicksale zu entdecken gibt.

Aber ja, zugegeben: dass nicht jeder Lust hat, sich auf dem Smartphone durch freigespielte Grimoire-Karten zu wühlen, um an Lore-Schnipsel zu kommen; oder Webcomics zu lesen; oder tote Objekte in der Welt von Destiny 2 vom Geist untersuchen zu lassen; oder YouTube-Videos von Destiny-Lore-Experten wie My name is Byf anzusehen, kann ich verstehen. Aber wer sich darauf einlässt, findet ein völlig anderes Spiel als vorher auf der Festplatte. Ein Spiel, wo die Gegnertypen oder Missionen nicht mehr langweilig, weil zu wenig abwechslungsreich sind, sondern wo vermeintliche stumpfe Missionen und Gegner mit Geschichte und Sinn gefüllt werden. Denn nach dem, man kann es nicht anders sagen, Studium des Destiny-Universums sieht man Zusammenhänge, die vorher nicht da waren. Wo Game-Kritiker mangelnde Abwechslung bei Gegnertypen sehen, sehe ich zwar wenige, aber dafür mit Leben gefüllte Kreaturen, die ihren festen Platz im Universum von Destiny haben. Eine solche Sichtweise bekommt man nicht durch das Spiel und dessen Kampagne alleine, sondern nur durch das gesamte Konstrukt drumherum. Sich diese zu erarbeiten, Dinge außerhalb des Blizzard-Launchers neu zu entdecken, macht einfach irrsinnig Spaß, weil man von einem „Aha“-Moment zum nächsten eilt und am Ende eine Art destinybezogener Erkenntnisgewinn steht. Diese, hart zu erarbeitende Lore, ist ein großer Punkt, der Destiny und Destiny 2 als Ganzes trägt.

Und damit zusammen fällt auch der zweite große Punkt, der Destiny 2 zu einem großartigen Spiel macht: das Setting bzw. der Artstyle. Denn eine interessante Lore bringt nicht viel, wenn sie schlecht präsentiert wird. Und mit präsentiert meine ich nicht in Dialogen oder Zwischensequenzen vorgekaut, sondern schlicht die optische Darstellung und die Einbettung der erdachten Welt ins Spiel und ins Geschehen, was entscheidend ist für die Atmosphäre eines Spiels. Ohne Atmosphäre oder Immersion, bringt die beste Lore nichts, weil sie unglaubwürdig wird. Destiny schafft es aber, eine glaubwürdige SciFi-Welt darzustellen, die unserer jetzigen nicht fremd ist, aber trotzdem anders genug um spannend zu sein. Destiny 2 ist dreckig und klinisch modern zugleich. Die technischen Errungenschaften, von denen wir in der wirklichen Welt nur träumen können, sind gut eingebettet in eine Welt mit Ecken und Kanten. So existieren bzw. existierten beispielsweise sogenannte Warminds, High-End-KI die so komplex sind, dass nicht mal die KI-Wesen der Vex sie verstehen, trotzdem hausen die Menschen (womit ich hier alle Spieler-Wesen aus Destiny meine, also auch die Exo und Awoken) in eher halb heruntergekommenen Anlagen und Häusern mit Industrie-Charme. Oder wir haben im Spiel Zugang zu modernen Technologien wie Fusions-Waffen, aber als Hauptschutz vor Angriffen gegen die Stadt dient eine Mauer. Die ist zwar gigantisch, aber eben eine Mauer! Diese Widersprüche stricken eine herrlich aufregende Welt, die es von Beginn an schafft, dass man sich in ihr verlieren kann. Sei es aus Nostalgie beim Bekannten oder Entdeckungsdrang beim Unbekannten.

Diese Mischung aus vergangenem Erreichten, neuen Errungenschaften und unverstandenen Technologien, das Vorkommen von „magischen“ Elementen wie dem Licht oder abstrakte Bedrohungen wie der Dunkelheit, der Kampf um den Erhalt des mysteriösen Reisenden, die Heldengeschichten ohne wirklich übermächtig zu sein; all das macht Destiny 2 aus. All das macht Destiny 2 zu einem großartigen Spiel, das besser ist, als sein Ruf und seine Gameplay-Schwächen vermuten lassen.

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