Es ist noch keine zwei Wochen her, als NASA und SpaceX zum ersten mal in der Geschichte von SpaceX Menschen ins All transportiert haben. Nicht nur, dass es die USA nach fast zehn Jahren geschafft haben, wieder unabhägnig von anderen Nationen ihre Astronauten zur ISS zu schicken. Das wirklich Besondere an dem Start war die Verwendung eines neuen Raumschiffs (Crew Dragon), das an der Spitze einer bis dato mit Menschen unerprobten Rakete (Falcon-9) die Erde verließ. Das Interesse der Menschen für diesen Meilenstein war weltweit spürbar. Internationale Medien berichteten über den erst verschobenen und dann geglückten Start. Und über 10 Millionen Zuschauer verfolgten das Ereignis live im Internet. Es scheint, als würde die Faszination Raumfahrt nach langer Durststrecke wieder um sich greifen.

Ideale Bedingungen also für Spiele wie Kerbal Space Program, die es Spieler*innen möglich machen, selbst Raketen zu bauen und einigermaßen physikalisch korrekt gen Himmel zu schicken. Der erste Teil von Kerbal Space Program war durchaus ein Erfolg. Die Durchschnittswertung auf Metacritic kratzt an der 90er-Grenze und auch die User-Wertungen auf Steam sind durchweg positiv. Nicht umsonst kann es sich Publisher Private Divison (die zu Take-Two Interactive gehören) leisten, auch fünf Jahre nach Release noch den Ausgangspreis 40€ zu verlangen.

Umso größer die Vorfreude der Fans auf den Nachfolger, der für das Frühjahr 2020 angekündigt war.

Doch seit einigen Tagen ist die Vorfreude arg getrübt. Denn da veröffentlichte der bekannte Investigativ-Journalist Jason Schreier einen Artikel, wie Publisher Take-Two Interactive erst versuchte das Entwicklerstudio Star Theory, das am Nachfolger arbeitete, zu kaufen und als das misslang, zerstörte.

Aber der Reihe nach.

Kerbal Space Programm (also der erste Teil) stammt ursprünglich vom mexikanischen Entwickler Squad. Zwei Jahre nach Release verkündete Squad, dass sie das Spiel an Take-Two Interactive verkauft haben:

Take-Two Interactive has purchased Kerbal Space Program. The important thing to know is that this big news doesn’t change much for the KSP community.

The KSP Development Team, 31. Mai 2017 – https://bit.ly/2Uct4r3

Die Aussage, dass diese Entscheidung kaum Einfluss auf die Community haben wird, wird sich drei Jahre später – also heute – mit dem Bericht von Jason Schreier als falsch herausstellen. Das konnte Squad zum damaligen Zeitpunkt natürlich nicht wissen. Nach dem Verkauf gründete Take-Two einen neuen Publisher Namens Private Division und fortan wurde Kerbal Space Program insbesondere auf dem Konsolenmarkt von diesem vertrieben.

Take-Two Interactive hat jedenfalls auf das richtige Pferd gesetzt. Bis Ende 2019 hat sich Kerbal Space Program fast vier Millionen mal verkauft. Kein Wunder also, dass sich der Publisher schon frühzeitig dazu entschloss, einen Nachfolger entwickeln zu lassen: Kerbal Space Program 2. Angekündigt wurde der Nachfolger auf der Gamecom 2019 mit einem Erscheinungstermin Mitte 2020. Auch der zweite Teil wurde zunächst von Squad entwickelt. Allerdings entschied sich Take-Two dazu, dass Squad lieber an Erweiterungen des ersten Teils arbeiten sollte und gab die Weiterentwicklung der Fortsetzung dem Entwicklerstudio Star Theory (bekannt u.a. für Planetary Annihilation).

Noch Ende Oktober 2019 gab Star Theorys Creative Director Nate Simpson der Branchen-Website gamesindustry.biz ein ausführliches Interview, das keine Anzeichen erkennen lässt, dass es mit der Entwicklung von Kerbal Space Program 2 bei Star Theory bald zu Ende sein könnte. Im Gegenteil, sagt er mit Bezug zum ersten Teil:

It’s as vibrant a community as it’s ever been, and we’re hoping we have another decade ahead of us working with this new platform we’ve created for Kerbal Space Program 2.

Nate Simpson, Creativ Director Star Theory, Oktober 2019 – https://bit.ly/3eULZyE

Nur zwei Monate später bekommen die einzelnen Mitarbeiter*innen bei Star Theory eine Nachricht über LinkedIn. Sie ist von Michael Cook, dem Executiv Producer von Private Division. In dieser Nachricht sagt Cook, dass „Geschäftsumstände“ die Entwicklung, Erledigung und Integrität des Spiels gefährden könnten. Zudem ermutigt er alle Entwickler bei Star Theory dazu, sich doch bei ihnen selbst für einen Job zu bewerben. Dieser Job soll die (Weiter-)Entwicklung von Kerbal Space Program 2 sein.

Man kann sich gut vorstellen, was so eine Nachricht bei den Mitarbeiter*innen von Star Theory ausgelöst haben mag: Unsicherheit und Verwirrtheit. Vor allem, weil sich Private Division – sicher nicht zufällig – dafür entschieden hat, diese Nachricht über ein Business-Network an einem Freitag Abend zu verschicken. Nicht nur, dass die Mitarbeiter*innen erstmal den Schock verarbeiten müssen, dass ihr einziger Auftraggeber ihnen offenbar die Grundlage ihrer Jobsicherheit entzogen hat; durch den gewählten Zeitpunkt trifft diese Informationen jede*n in seinem*ihren privaten Umfeld ohne Chance auf Klärung mit der Geschäftsführung von Star Theory, ihrem aktuellen Arbeitgeber.

Diese Klärung fand folglich erst am darauffolgenden Montag statt. Die Geschäftsführer von Star Theory, Boby Berry und Jonathan Mavor, beriefen eilig ein Krisentreffen ein, bei dem die Belegschaft über den Entzug des Entwicklungsauftrags informiert wurden. Zudem eröffneten die beiden ihren Mitarbeiter*innen, dass sie zuvor mit Take-Two Verhandlungen über den Verkauf von Star Theory geführt, die Angebote von Take-Two aber als unzureichend abgelehnt haben. Zudem versicherten Berry und Mavor, dass Star Theory noch Geldreserven habe und sie versuchen werden, neue Aufträge an Land zu ziehen. Zudem ermutigen die beiden ihre Belegschaft, zusammenzuhalten und bei Star Theory zu bleiben.

Quelle: kerbalspaceprogram.com

Doch ein Drittel der Mitarbeiter*innen wechselt zum neu gegründeten Entwicklerstudio Intercept Games (an dieser Stelle mag jede*r kurz über die Namenswahl sinnieren). Unter ihnen auch Creativ Director Nate Simpson, der zusammen mit seinen Kollegen Jeremy Ables (Studio Chief) und Nate Robinson (Lead Producer) unverzüglich die Firma wechselte. Nachdem die Covid-19-Pandemie die Wahrscheinlichkeit neuer Aufträge für Star Theory gen Null sinken ließ, schließt das Entwicklerstudio im März 2020 seine Pforten und weitere – nun ehemalige – Mitarbeiter von Star Theory wechseln zu Intercept Games. Der Unternehmenssprecher Brian Roundy spricht davon, dass inzwischen 50% des Star Theory-Teams bei ihnen arbeitet.

Die Gründe, warum es zum Eklat zwischen Take-Two und Star Theory kam, sind unklar. Sicher scheint, dass es mit den Verhandlungen über den Kauf von Star Theory und der Weiterentwicklung von Kerbal Space Program 2 zu tun hat. Erst kurz vor dem Entzug des Auftrags und der LinkedIn-Mail von Cook, hat Private Division/Take-Two einer Verlängerung der Entwicklungszeit um sechs Monate zugestimmt, um neuen Content zu implementieren. Laut den Star Theory Geschäftsführern ging es bei den Verkaufsgesprächen auch um Lizenzbedingungen, die in den Verträgen unklar gewesen sein. Das würde zu dem passen, was Michael Cook in seiner LinkedIn-Nachricht erwähnte: „Geschäftsumstände“.

Details sind aber nicht bekannt. So wissen wir nicht, wo genau die Knackpunkte in den Verhandlungen waren. Wir wissen nicht, was dazu geführt hat, dass Private Division/Take-Two erst weitere sechs Monate Entwicklung mit Star Theory plant und kurz darauf den Auftrag komplett entzieht. Wir wissen nicht, ab wann und ob die Geschäftungsführung von Star Theory wusste, dass sie endgültig nicht mehr an Kerbal Space Program 2 arbeiten können – und wenn sie es frühzeitig wussten, warum sie ihre Belegschaft nicht eher darüber informiert haben.

Was wir aber wissen ist, dass das Vorgehen von Take-Two bzw. Private Division auf der Geschäftsebene unüblich und unprofessionell ist. Und auch auf der moralischen Ebene mehr als fragwürdig. Take-Two wird gute Gründe dafür gehabt haben, Star Theory übernehmen zu wollen – selbstverständlich wirtschaftliche. Kerbal Space Program ist inzwischen eine etablierte und beliebte Marke. Hinzu kommt, wie eingangs erwähnt, ein allgemein wachsendes Interesse an der Raumfahrt und somit ein höheres Verakufspotenzial. Wie schon beim ersten Teil, dürfte auch beim Nachfolger der Bildungsaspekt eine größere Rolle spielen. Anders ausgedrückt: das Potenzial von Kerbal Space Program 2 ist, auch ohne die Geschäftsbücher zu kennen, für jeden sichtbar. Und da wäre es für den Publisher natürlich ideal neben der Marke auch gleich den Entwickler ins eigene Haus zu holen, der die letzten zwei Jahre am Spiel gearbeitet hat und es entsprechend in- und auswendig kennt. Vor allem da es sich bei Star Theory um einen recht kleinen Entwickler handelt und ein Kauf für einen Riesen wie Take-Two vermeintlich leicht zu bewerkstelligen wäre.

Doch wie es scheint, hat sich der Publisher im letzten Punkt getäuscht. Die Gründe dafür liegen im Dunkeln. Um das Know-How der Entwickler und die vollständige Kontrolle der Entwicklung trotzdem zu erreichen – man muss das so klar sagen – zerstört Take-Two Star Theory. Dem Publisher muss bewusst gewesen sein, wie wichtig das Projekt für ein kleines Studio wie Star Theory ist. Es ist in der Branche nicht unüblich, dass sich derlei Firmen mit einzelnen, größeren Aufträgen über Wasser halten, bis das nächste Projekt ansteht – das war ja auch weiter der Plan von Star Theory nach Verlust des Auftrags und bis die Pandemie dazwischen kam.

Das alles kann man noch für normales kapitalistisches Gebaren halten, aber spätestens, wenn Take-Two, nachdem sie Star Theory in wirtschaftliche Not gestürzt haben, genau diese Not-Situation dafür nutzt Mitarbeiter*innen abzuwerben, darf man stutzig werden. Vor allem, wenn solch ein Vorgehen nach einer wohl bewusst kreirten Situation der Unsicherheit an einem Freitag Abends über ein Business-Netzwerk (also an den üblichen Wegen vorbei) geschieht.

Am Ende hat der Plan Take-Twos funktioniert. Die Entwicklung von Kerbal Space Program 2 liegt nun komplett in den eigenen Händen. Zwar konnte man nicht alle ehemaligen Star Theory-Entwickler*innen gewinnen, aber immerhin die Hälfte. Darunter führende Köpfe. Welche Auswirkungen das auf die Entwicklung des Spiels hat, bleibt abzuwarten. Erst vor wenigen Wochen teilte Intercept Games mit, dass sich Kerbal Space Program 2 auf 2021 verschiebt. Der Grund offzielle Grund ist, dass die Entwicklung neuer Features und neuen Contens länger dauert als geplant, sowie die allgemeinen Einschränkungen wegen der Pandemie. Nach der chaotischen Übernahme, dürfte aber mehr dahinter stecken. Auch wie die Community auf die oben beschriebenen Ereignisse reagiert, bleibt abzuwarten. Missmutige Stimmen sind durchaus zu hören und auch Boykottaufrufe machen die Runde.

Die Hoffnung der Ursprungsentwickler von Squad, dass sich mit dem Verkauf von Kerbal Space Program an Take-Two für die Community nichts ändern wird, dürfte sich jedenfalls als trügerisch erwiesen haben.

Star Theory schloß am 4. März seine Pforten. Ursprünglich arbeiteten dort 30 Menschen, wovon die Hälfte einer unsicheren Zukunft entgegensieht.

Take-Two Interactive hatte im Jahr 2019 5214 Mitarbeiter. Und einen Reingewinn von 333 Millionen US-Dollar.


Quelle Header-Bild: https://en.wikipedia.org/wiki/File:Star_Theory_Games.svg

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