Der erste Fall mutet etwas seltsam an. Das Opfer: ein Frosch. Während eines edlen Geschäftsdinners aufgeschlitzt. Die vermeintliche Täterin: eine Katze, ebenfalls aus gutem Hause. Als ich das Angebot bekomme, den Fall zu übernehmen, bin ich aber nicht wirklich überrascht, dass ein Frosch an einem Geschäftstreffen teilnimmt und als Mörderin eine Katze verdächtigt wird. Denn immerhin bin ich, Anwalt Jayjay Falcon, selbst ein Vogel. Und das nicht im Sinne einer flapsigen Beleidigung, sondern ein richtiger Vogel. Mit Schnabel, Federn und so weiter. Das gleiche gilt für meinen und gefiederten Assistenten Sparrowson.

Wer jetzt an niedliche Tierchen à la Animal Crossing denkt, ist aber auf dem Holzweg. Statt niedlichem Cartoon-Look präsentieren uns die beiden Entwickler (ja, es sind wirklich nur zwei!) von Sketchy Logic in Aviary Attorney detallierte Zeichnungen, die stilistisch an Kupferstiche erinnern. Das Besondere dabei: Sketchy Logic haben die Charaktere im Spiel nicht selbst erschaffen. Gezeichnet wurden sie vom französischen Karikaturisten J.J. Grandville in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der sie 1842 im Fabel-Sammelband „Scènes de la vie privée et publique des animaux“ veröffentlichte. Aus diesem Werk haben die Entwickler die Charakter abgescannt und später animiert. Animiert heißt in diesem Fall, dass sie den Standbildern des Spiels gewisses Leben eingehaucht haben. Die Figuren haben einen Lidschlag, zücken auch mal eine Pistole und verändern ihre Pose. Frei bewegen, so dass es mehr und flüssige Animationen bräuchte, kann man sich im Spiel aber nicht. Ganz im Sinne von Spielen wie Ace Attorney liegt der Fokus darauf, in Dialogen und an Tatorten Informationen und Beweise zu sammeln, um sie vor Gericht im Sinne unseres Klienten einsetzen zu können.

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Euer größter Gegenspieler ist dabei die Zeit. Denn bis zu den Gerichtsverhandlungen habt ihr nur eine gewisse Anzahl an Tagen, um die Informationen zu sammeln, die ihr benötigt. Schafft ihr das nicht besteht die Gefahr, dass ihr Prozesse verliert – manchmal mit fatalen Konsequenzen. Für Spieler, die Fehlentscheidungen nur schwer ertragen, haben die Entwickler aber die Möglichkeit eingebaut, zu bestimmten Tagen in der Geschichte zurückzuspringen. Der Dramatik wegen, empfehle ich aber, auf diese Option zu verzichten. Das verleiht nicht nur den Gerichtsverhandlungen, sondern auch den Ermittlungen davor ein Gewicht, dass man zunächst kaum vermutet, im Laufe des Spiels aber immer mehr spürt.

Das das möglich ist, liegt auch daran, dass Sketchy Logic die Spiellänge in Grenzen halten. In fünf bis sieben Stunden hat man das Spiel durchgespielt. So hatten die Entwickler die Möglichkeit, die verschiedenen Handlungsstränge wirklich auszuerzählen, statt Pseudo-Entscheidungen einzubauen, die für den Verlauf der Geschichte keine wirkliche Rolle spielen. Aviary Attorney ist der Beweis dafür, wie gut es einem Spiel tut, wenn es nicht sinnlos gestreckt wird.

Es tut einfach gut, mal wieder eine Geschichte zu erleben, die frei ist von jeglichen Lückenfüllern. Ein toter Frosch beim Business-Dinner ist für die beiden Protagonisten nämlich noch so etwas wie das Brot- und Buttergeschäft und es warten weitaus größere Aufgaben auf euch. Um spoilerfrei zu bleiben sei nur so viel verraten: Aviary Attorney spielt um 1848 in Paris. Und wer in Geschichte aufgepasst hat weiß, dass die Menschen in Europa zu dieser Zeit recht revolutionsfreudig waren. So auch in Frankreich. Ihr müsst euch also als idealistischer und etwas verkopfter Rechtsanwalt vor dem Hintergrund der Februarrevolution in der französische Hauptstadt durchschlagen. Immer an eurer Seite der verfressene, aber aufgeweckte Assistenz Sporrowsmon, der für die nötige Portion Humor in einem grundsätzlich eher ernstem Setting sorgt.

Diese gelungene Balance zwischen Ernst und Witz, zwischen Geschichtstreue und Fiktion, zwischen Recht und Moral, ist die größte Stärke des Spieles. Neben all der Fall-Knobelei und den gut geschriebenen, englischen Dialogen (Deutsch ist nicht verfügbar), schleichen sich auch immer wieder gesellschaftspolitische Fragen in euren Fokus. Ob ihr als Rechtsanwälte Mörder vertreten solltet, ist dabei nur die offensichtlichste. Aber auch die Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft oder zwischen Stabilität und Ungewissheit, werden euch immer wieder serviert – mal sehr direkt, mal eher subtil. Bis auf einige Ausnahmen ist keiner der Charaktere schwarz oder weiß. Aviary Attorney bewegt sich die meiste Zeit in einem dichten Grau, aus dem auszubrechen – wie im echten Leben – unmöglich ist. Und so helfen uns die kleinen Lichtblicke wie der Freispruch eines Unschuldigen, die chaotischen Zustände einer Nation im Umbruch zu überstehen.

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Der Sammelband „Scènes de la vie privée et publique des animaux“ des Künstlers J.J. Grandville ist die Quelle der Illustrationen in „Aviary Attorney“. Eine englische Version des Werkes ist online frei verfügbar und auf jeden Fall einen Blick wert!


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