Review: Lonely Mountains Downhill

Ach wie hübsch! Helle, bunte Farben. Dazu noch ein minimalistischer Comic-Cartoon-Look. Lonely Mountains: Downhill schreit mir geradezu ins Gesicht: „Ich bin knuffig! Lass uns gemeinsam ein paar chillige Runden Downhill-Bike fahren!“ Und wer bin ich, diesem niedlichen Etwas zu widersprechen? Also rauf auf’s Mountainbike (oder wie die coolen Kids sagen: MTB) und ab dafür! Ich will die putzige kleine Figur auf dem MTB, die ihre nicht vorhandene Nase so erwartungsvoll in den Wind streckt, ja nicht warten lassen.

Und los geht’s

Und schon habe ich sie getötet. Die kleinen Blutspritzer und das matschig-klatschende Geräusch lassen da keinen Zweifel. Ich verstehe noch nicht ganz, wie das passieren konnte. Es war nicht mal wirklich steil. Dieser Tannenbaum kam schlicht aus dem Nichts. Einfach so auf die Strecke gelaufen. Weiß er nicht, dass hier eine Downhill-Trail für Biker ist? Ok, zugegeben: ganz ausschließen, dass ich mit der Lenkung nicht klar kam und sich der Baum keinen Millimeter bewegt hat – zumindest bis ich dagegen gefahren bin – kann ich nicht. Da ich zu Beginn des Spiels aber einstellen konnte, ob ich die Steuerung relativ zur Kamera haben möchte oder relativ zum Fahrer, sind Fahrfehler eigentlich nahezu ausgeschlossen. Immerhin konnte ich die für mich perfekte Variante ja wählen. Aber gut, ganz klären lassen wird sich das tödlich Unglück wohl nie. Also blicke ich nach vorne, in die Zukunft.

Das Gute ist, das Spiel erspart mir den ganzen widerlichen Kram nach meinem Maleur: kein Rettungshubschrauber, kein Abtransport der Leiche. Mit simplen Knopfdruck springe ich in der Zeit vorwärts und darf den nächsten Recken auf seinem MTB sanft den Berg hinunter lenken. Dieser Recke sieht erstaunlicherweise genau so aus, wie der vor dem Knopfdruck. „Vielleicht Zwillinge“, denke ich mir. „Zumindest aber der gleiche Sponsor, denn immerhin sehen Kleidung und Rad ebenfalls aus wie vorher.“ Bevor ich das Rätsel lösen kann, touchiere ich leicht den rechten Trigger des Xbox-Controllers und das zweite Maxerl rollt los. (Kurzer Einschub: Maxerl ist die österreichische Version von Männchen und da wir uns hier in den Bergen befinden, finde ich eine entsprechende Anpassung des Vokabulars nur angebracht.)

Es rollt also, das Maxerl. Und das gar nicht schlecht. Die tödliche Tanne ist ohne Schwierigkeiten umfahren und auch die ersten Kurven stellen mich und Maxerl II. von keinerlei Herausforderung. Plötzlich wird die Strecke steiler, meine Hände schwitziger und mein Gehirn gerät in Panik: „Nicht so schnell!“ schreit es in meinem Kopf. Also bremse ich. Dachte ich zumindest. Denn statt dass die nicht sichtbaren hydraulischen Scheibenbremsen mein Geschoss von MTB in einen Geschwindigkeitsbereich führen, der für die nächste Kurve notwendig wäre, schieße ich über den Rand einer Klippe und stürze gefühlte hunderte Meter in ein Gemisch aus Wald und Felsen. Der matschige Sound beim Aufprall sagt mir auch diesmal: da hilft weder Verband noch Rettungshubschrauber. Maxerl II. befindet sich nun dort, wohin ich schon seinen Vorgänger geschickt habe. Statt an tödlichen Tannen vorbei und über unbarmherzige Felsen, fahren die beiden also nun gemeinsam über sanfte Wolken und schauen auf mich herab, wie ich mit dem nächsten Knopfdruck ihren Nachfolger auf die Bergspitze setzen lasse.

Symbolbild.

Und los geht’s – schon wieder

Ich fasse mich kurz: auch die nächste Abfahrt mit Maxerl III. war nicht von Erfolg gekrönt. Und auch die vielen anderen danach nicht. Nach nicht einmal 20 Minuten fühle ich mich bereits wie ein Massenmörder. Das erste Erfolgserlebnis stellt sich erst ein, als mir klar wird, dass ich mich für die erste gelungene Abfahrt nicht beeilen muss. Stattdessen gilt es schlicht, heile ins Ziel zu kommen und dabei die Checkpoints zu passieren. Macht ja auch Sinn: bei der ersten Abfahrt auf einer neuen Strecke heißt es erstmal, eben jene Strecke kennen zu lernen. Wo sind die heiklen Stellen? Wo geht es rasant bergab? Wo muss ich bremsen, wo mit Volldampf einen Sprung schaffen? Aber auch einen ersten Blick auf potenzielle Abkürzungen werfen schadet nicht. Denn nach dieser Aufwärmrunde geht es dann wirklich darum, die Strecken mit Zeitvorgaben und einer maximalen Anzahl an Stürzen zu bewältigen. Derleit Herausforderungen werden für die verschiedenen Strecken, genau wie die Strecken selbst, Stück für Stück freigeschaltet. Außerdem erfahre ich mir durch den erfolgreichen Abschluss der Herausforderungen neue Fahrradteile und Fahreroutfits. Und während letztere reine Kosmetik sind, kann ich mir aus den gesammelten Fahradteilen neue, vordefinierte MTB bauen, die alle unterschiedliche Eigenschaften haben.

Die MTB haben verschiedene Eigenschaften. Dieses hier ist super zu steuern, hält aber nichts aus und hat eine schlechte Beschleunigung. Folglich eher auf engen und kurvenreichen Strecken zu empfehlen.

So gibt es ein MTB, das besonders robust ist. Während andere Bikes bei Sprüngen aus großer Höhe zerbrechen (mit entsprechendem Ergebnis für die Fahrer – Stichwort: *matsch*), hält dieses Rad auch den ärgsten Sprunghöhen stand. Andere MTB sind wiederrum besonders wenig, dafür aber langsam oder umgekehrt: sie sind besonders schnell, dafür nicht so gut lenkbar. Und so stellt mich das Spiel nicht nur vor die Herausforderung, möglichst schnell in einem Stück im Ziel anzukommen, was wahrlich schwer genug ist, sondern zwingt mich auch bei der Wahl des Rades abhängig von der Strecke und den Abkürzungen die ich auf dieser Strecke nehmen möchte, taktische Entscheidungen zu treffen. So mag ich mit dem wendigen MTB gut durch die Abkürzung in einem Waldabschnitt manövrieren können, dafür schaffe ich aber die Abkürzung mit dem großen Sprung über die Schlucht nicht, weil das Rad nicht genug Geschwindigkeit aufbauen kann, die dafür notwendig wäre. Welche Abkürzung ist schneller? Welche kann ich persönlich besser fahren? All das sind Gedanken, die ich mir machen muss, wenn ich auch die Experten-Freischaltungen mit ihren engen Zeitvorgaben schaffen will.

Dieses Ausprobieren und Austüfteln macht gepaart mit dem notwendigen, fahrerischen Geschick jede Menge Spaß und lässt sich auch „mal eben zwischendurch“ einschieben, wenn man nur mal eine Viertelstunde Zeit hat und trotzdem ein paar Abfahrten machen möchte.

Fazit

Wer Lonely Mountains: Downhill wirklich meistern will, braucht Geschick und vor allem jede Menge Geduld. Die Strecken zu kennen ist das A und O. Und wer nach dem Dahinscheiden von zehn Fahrern bereits das Handtuch wirft, wird bei dem Spiel eher Frust statt Freude empfinden. Zudem besteht die Gefahr, dass zusätzlich zu den 20€ Kaufpreis auch noch der Preis für einen neuen Controller addiert werden muss, da man sein Spielgerät vor Wut gegen die Schreibtischplatte hat antreten lassen. Wer dieses Tal aber einmal durchschritten oder ohnehin die innere Ruhe eines Zen-Mönches hat, der bekommt das Gefühl mit Abschluss der Herausforderungen wirklich etwas geleistet zu haben. Lonely Mountains: Downhill ist also die zeitgeistgerechte, grüne Alternative für Freunde von Geschicklichkeitsspielen wie Trials, gepaart mit dem Belohnungsgefühl eines Dark Souls, optisch präsentiert in der Optik eines harmlosen Kindergartenspiels. Kann man machen!

So sieht eine typische Spielesession von Lonely Mountains: Downhill aus. Die Helme der Fahrer wirken dabei fast höhnisch.

HINWEIS: möglicherweise wird dein Kommentar nicht sofort erscheinen, sondern erst nach kurzer Zeit manuell freigeschaltet.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.