Review: Man of Medan

Der Herbst ist da. Die Tage werden kürzer, die Blätter der Bäume verlassen ihren angestammten Platz und eine erste Kälte macht sich breit. Die Art von Kälte, bei der man noch nicht daran denkt, sich ein Bärenfell um die Schultern zu legen, sondern eher eine Kälte, bei der man die Jacke zuzieht, weil man ein leichtes Frösteln spürt. Traditionell eine gute Zeit für Horrorspiele, die diese real empfundene Kälte auch auf den Monitor zaubern.

Eines dieser Spiele, die sich für einen vernebelten Herbstnachmittag hervorragend eigenen, hat kürzlich Entwickler Supermassive Games mit Hilfe von Publisher Bandai Namco Entertainment auf den Markt gebracht. Bei Man of Medan handelt es sich um den ersten Teil einer achtteiligen Serie, die unter dem Titel The Dark Pictures Anthology läuft.

Am ehesten lässt sich Man of Medan, oder auch die ganze Anthologie, wohl als interaktives Horror-Story-Adventure beschreiben. Wir erkunden die Welt mit den üblichen Richtungstasten und können verschiedene Gegenstände oder Areale näher untersuchen. Dabei sind wir aber recht eingeschränkt. Ein freies Erkunden der Level oder eine Interaktion mit allem möglichen Gegenständen ist kaum möglich. Die Entwickler haben eine ziemlich klare Vorstellung davon, was der Spieler tun soll und was nicht. Das klingt nun möglicherweise negativer als es ist. Denn dadurch, dass unsere Aufmerksamkeit auf nur wirklich relevante Inhalte gelenkt wird, stellt sich nie ein Gefühl von Überforderung oder Arbeit ein. Während wir in anderen Spielen jede sinnlose Tasse betrachten und vielleicht sogar einstecken können, hat jedes Objekt in Man of Medan eine gewisse Relevanz. Zum Teil handelt es sich um alte Schriftstücke, die dafür sorgen, dass sich bestimmte Fragezeichen der Geschichte auflösen. Dann wiederrum finden wir Gegenstände, die wir mitnehmen können (oder auch nicht), was großen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Story hat.

Am Beginn der Geschichte steht ein Tauchausflug zu einem Flugzeugwrack. So behaglich wie hier, ist es wenig später nicht mehr.

Eine Horror-Story

Die Story ist auch das Fundament des Spiels. Die ist zwar sehr kurz gehalten, entfaltet dadurch aber eine angenehme Dichte ohne großen Leerlauf. Bei einer Spielzeit von 3-5 Stunden wären Längen aber auch unverzeihlich. So lässt sich nun aber auch kaum etwas vom Inhalt erzählen, ohne gleich einen Großteil der Geschichte zu spoilern. Deshalb sei nur so viel verraten: die vier Freunde Alex, Julia, Brad und Conrad wollen einen Tauchausflug zu einem bisher unerforschten Flugzeugwrack machen. Auf dem Tauchschiff lernen sie Kapitänin „Fliss“ kennen, mit der die Runde der spielbaren Charakteren dann auch komplett ist. Natürlich verläuft der Tag nicht wie geplant und statt eines gemütlichen Tauchausfluges haben es die fünf bald mit einem Geisterschiff, der „Ourang Medan“, aus Zeiten des Zweiten Weltkrieges zu tun. Dieses Schiff hat es wirklich gegeben und dessen Unglück gehört bis heute zu einem der mysteriösesten der Schifffahrtgeschichte.

Supermassive Games bezieht sich im Spiel immer wieder auf bekannten Fakten des realen Unglück der „Ourang Medan“, so dass es sich auch für neugierige Seelen empfiehlt, denn Schiffsnamen erst nach dem Durchspielen zu googlen, um ein höheres Spannungslevel bei der Story zu haben. Überhaupt scheinen die Entwickler sehr ordentlich recherchiert zu haben. Viele, auch eher unwichtige, Details sorgen für ein glaubhaftes Szenario, was ein immenser Gewinn für die bei einem Horrorspiel so wichtigen Immersion ist. Die Detailverliebtheit geht so weit, dass selbst der Tauchcomputer am Handgelenk einer der Hauptpersonen, Alex, ziemlich genau dem realen Vorbild (Suunto Zoop) entspricht.

Die fünf Charaktere Brad, Alex, Julia, „Fliss“ und Conrad (von links nach rechts) sind alle nacheinander spielbar.

Die Charaktere verhalten sich nachvollziehbar und so, wie sich die meisten Menschen eben vermutlich in gewissen Situationen verhalten dürften – soweit man das bei einem Spiel, das sich um ein Geisterschiff dreht, behaupten kann. Wie plump und klischeebeladen selbst normale Charaktere in vielen Spielen sind, wird einem erst dann wieder bewusst, wenn man sieht wie es besser geht. Und das haben die Entwickler in Man of Medan hinbekommen. Zwar hat auch hier jeder Charakter gewisse Verhaltensweisen (z.B. eher draufgängerisch und mutig), an die sind wir als Spieler jedoch nicht gebunden. Wir können in Gesprächen also durchaus auch Antworten geben, die dem vom Entwickler vorgegebenen Naturell des Charakters eher widersprechen. So haben wir als Spieler also die Möglichkeit uns zu entscheiden: folgen wir den angedeuteten Charaktereigenschaften oder setzen wir lieber selbst Akzente?

Entscheidungen mit Tragweite

Unsere Entscheidungen und Antworten haben auch Einfluss auf die Beziehung der Charaktere untereinander. Begegnen wir anderen Charakteren zuvorkommend, reagieren sie auch entsprechend freundlich auf uns – und umgekehrt. Einen wirklichen Einfluss auf die Story hat das aber nicht, sorgt aber für passendere Atmosphäre. Flirten wir beispielswiese als Conrad permanent mit Schiffskapitänin „Fliss“ und stehen ihr zur Seite, kann das in einer Kussszene enden. Sind wir zu forsch und verhalten uns wie ein schnöseliger Depp, kommt diese Szene nicht zustande. Der Storyverlauf bleibt von den Beziehungen der Charaktere eher unbeeinflusst.

Ganz anders sieht das bei bestimmten Entscheidungen und Quick-Time-Events aus. Da wir uns auf einem Geisterschiff befinden, ist es wohl keine Überraschung: hier geht’s nicht nur darum Geheimnisse zu lüften, sondern auch um’s nackte Überleben. Immer wieder gibt es scheinbar belanglose Entscheidungen zu treffen, die aber bis zum Tod der Figuren führen können. Glücklicherweise können wir über einige Bilder im Spiel Visionen hervorrufen, die uns Hinweise darauf geben, was uns in naher Zukunft erwartet. Diese Visionen dauern aber nur wenige Sekunden und sind mehr als ein Brotkrumen, denn als klare Handlungsanweisung zu verstehen. So gilt es die einzelnen Visionen richtig zu interpretieren und in der entsprechenden Situation – zum Teil unter Zeitdruck – die Entscheidung zu treffen, die dann hoffentlich zum gewünschten Ergebnis führt. Diese Kombination aus Hinweis, Interpretation und Zeitdruck funktioniert hervorragend. Nie hat man das Gefühl alles im Griff zu haben, was auf einem Geisterschiff irgendwie fehl am Platz wirken würde. Aber man hat auch nie das Gefühl völlig hilflos zu sein.

Der Kurator beobachtet den Spieler während der Geschichte, kommentiert Ereignisse und gibt kryptische Hinweise.

Wie wir uns bei den wichtigen Entscheidungen schlagen, erfahren wir dann auf zweierlei Art. Zum Einen werden bestimmte Abschnitte des Spiels von einem scheinbar allwissenden Kurator unterbrochen. Er kommentiert das Geschehene, füttert uns mit kryptischen Hintergrundinformationen und gibt einen kurzen, geheimnisvollen Ausblick darauf, was uns noch erwartet. Dabei durchbricht der Kurator die vierte Wand und spricht direkt mit uns Spielern. Das verstärkt das ohnehin bereits durch das Gameplay erzeugte Gefühl Teil einer Erzählung zu sein. Anerkennende Worte des Kurators, zum Beispiel dass bis zu einem gewissen Zeitpunkt alle Charaktere überlebt haben, motivieren für den weiteren Verlauf der Geschichte es auch tunlichst dabei zu belassen, machen aber auch neugierig, an welcher Stelle denn jemand hätte sterben können. Diese entscheidenden Story-Wendepunkte sind glücklicherweise nämlich nicht immer offensichtlich, also gut in die Geschichte eingebettet. Wer die Wendepunkte nachschauen möchte und sich nicht auf die oft zweideutigen Worte des Kurators verlassen mag, kann das im Spielmenü unter dem passenden Menüpunkt „Kursrichtung“ tun. Dort sehen wir, wie wir uns an den entscheidenden Stellen entschiedenen haben und welche Konsequenzen das hatte. Dort wird auch ersichtlich, wie scheinbar unwichtige Entscheidungen eine ganze Kette von Ereignissen nach sich ziehen und wie sie den Verlauf der Geschichte beeinflussen.

Die besonderen Kameraeinstellungen sorgen für eine dichte, kinoreife Atmosphäre.

Grafik und Steuerung

Präsentiert wird Man of Medan filmreif, was gut zum Gamedesign passt. Der Fokus des Spiels liegt nämlich eindeutig auf Atmosphäre, Story und den Charakteren. Wer anspruchsvolles Gameplay erwartet – z.B. durch Einsatz von Shooting-Skills – wird enttäuscht. Zwar gibt es auch Action-Sequenzen, die werden aber fast ausschließlich über Quick-Time-Events bestritten. Durch diese Beschränkung des Gameplays wird die Schwerpunktsetzung des Spiels auf die oben genannten Kriterien aber auch erst möglich. So gibt es sehr häufig regelrecht filmreife Kameraeinstellungen, die mit Schärfentiefe und Perspektive spielen. Das ist sehr gut für die Immersion, führt aber auch zu Abstrichen in der Steuerung. So gehen wir mit einem Charakter einen langen Schiffsgang entlang, indem wie den Stick nach vorne drücken bzw. mit der Taste W vorwärts laufen. Das übliche eben. Gehen wir nun um eine Ecke und die Kamera zeigt uns den Charakter nun von vorne statt von hinten, müssen wir die Steuerung anpassen und den Stick zurückziehen bzw. die Taste S verwenden um vorwärts zu laufen – eben immer abhängig von der Kameraperspektive. Und da so ein Schiff aus ziemlich vielen Gängen, ziemlich vielen Abzweigungen und ziemlich vielen Räumen besteht, kann man sich vorstellen, wie häufig ein Perspektivwechsel der Kamera stattfindet und sich die Steuerung entsprechend „ändert“. Das ist kein Drama und im Spiel auch selbsterklärend, so wirklichen flutschen will das aber nicht. Hinzu kommt nämlich noch, dass die Steuerung recht ungenau ist und träge reagiert. Wobei Letzteres gerade beim Stichwort „filmreife Inszenierung“ sicher kein Nachteil ist. Ein steuerbarer Charakter der irrsinnig schnell beschleunigt und schnellere Richtungswechsel vollzieht als ein Kompass am Nordpol, würde deplatziert wirken. Insofern ist die Steuerung zwar hier und da etwas hakelig und bisweilen nervig, trägt aber durch ihr Grundkonzept ihren Teil zur dichten Atmosphäre bei. An der Grafik gibt es hingegen nichts zu meckern. Die Texturen sind scharf, die Charaktermodelle detailliert – wenn vielleicht auch teilweise etwas zu naß-gläzend. Aber hey: Tauchausflug, Geisterschiff, Wasser! Das kann man schon gelten lassen.

Die engen Schiffsgänge auf der „Ourang Medan“ sorgen für Beklemmung.

Halt, Stopp! 3-5 Stunden?

Ja, richtig gelesen! Wie weiter oben schon erwähnt, ist die Spielzeit von 3-5 Stunden ausgesprochen kurz. Diese Zeitangabe bezieht sich aber nur auf einen einzelnen Solo-Durchgang. Aufgrund der vielen Entscheidungen, die die Story beeinflussen, bietet sich Man of Medan durchaus zum mehrmaligen Durchspielen an. Zudem gibt es noch zwei Multiplayer-Optionen, die beide etwas Besonderes sind: zum Einen gibt es einen Online-Koop-Modus, bei dem jeder Spieler einen Charakter spielt und die Geschichte auch nur aus dessen Perspektive sieht. Ganz ähnlich also, wie bei A Way Out – wobei man in Man of Medan mehr als nur zwei spielbare Charaktere zur Verfügung hat. Zum Anderen gibt es den „Couch-Modus“, der offiziell „Movie Night“ heißt. Dieser ist für bis zu fünf Spieler ausgelegt. Zu Beginn des Spiels wählt jeder Spieler einen Charakter und spielt diesen bis zum Ende des Spiels (oder bis ihn das Zeitliche segnet). Wie im Solo-Modus wechselt die Erzählung zwischen den fünf Charakteren hin und her. Doch anders als im Solo-Modus, wo ein Spieler alle Charaktere spielt, wird hier der Controller weitergereicht und jeder Spieler spielt dann weiter, wenn sein Charakter an der Reihe ist. Hier zeigt sich auch der große Vorteil der recht geringen Spieldauer. Denn in 3-5 Stunden kann man eine Partie mit mehreren Freunden auf dem Sofo locker an einem Abend durchspielen.

Zudem hat Supermassive Games neben dem Spiel auch noch einige Extras – Achtung, Wortwitz! – mit an Bord. Im Spiel können wir Geheimnisse freischalten, z.B. alte Uniformen untersuchen oder Briefe lesen. Je nachdem wie viele Geheimnisse wird entdeckt haben, werden Videos freigeschaltet, die uns etwas über die Entstehung von Horror-Geschichten in der Literatur erzählen oder uns mit Informationen zum realen „Ourang Medan“-Unglück versorgen. Diese Videos sind optisch und inhaltlich ansprechend und motivieren durchaus dazu, dem Geisterschiff auch noch das letzte Geheimniss zu entlocken.

Die „Ourang Medan“ hat es wirklich gegeben. Restlos geklärt ist die Ursache des Unglücks bis heute nicht.

Fazit

Man of Medan ist ein mehr als gelungenes Horror-Adventure. Es ist technisch ausgereift, bietet eine spannende Geschichte, hat glaubwürdige Charaktere und geizt nicht mit Schock-Momenten – wie es sich für ein Abenteuer auf einem Geisterschiff gehört. Einige mögen die mangelnde spielerische Tiefe kritisieren, die über Dialogoptionen und Quick-Time-Events nicht hinausgeht. Aber um spielerischen Anspruch geht es den Machern gar nicht, sondern darum, die Geschichte von fünf Freunden auf einem Geisterschiff zu erzählen.

Auch für reine Solo-Spieler, die kein Interesse am mehrmaligen Durchspielen haben, ist Man of Medan das Geld wert. Ohne Rabatt kostet der Titel bei Steam 29,99€ was für knapp fünf Stunden Spielzeit sicher kein Schnäppchen ist. Wer aber mit story-getriebenen Spielen Spaß hat und Wert auf eine dichte Atmosphäre und spannende Charaktere legt, der macht mit Man of Medan auch bei diesem Preis nichts verkehrt.

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