Money first, der Rest second

Blizzard hat es – man muss fast sagen: mal wieder! – geschafft, im Zentrum eines Shitstorm zu stehen. Diesmal geht es aber nicht um so etwas Profanes wie ein angekündigtes Mobile-Game, statt eines angekündigten Diablo IV. Diesmal geht es um Fundamentales wie Menschenrechte und freie Meinungsäußerung – also um Gesellschaft und Politik. Ein Minenfeld für Entwickler und Publisher, das sie in der Regel großräumig zu umgehen versuchen.

Was war passiert? Hearthstone-Spieler Chung „Blitzchung“ NG Wai bekannte sich im Rahmen eines Hearthstone-Turniers im Livestream während eines Interviews nicht nur optisch mit Maske und Skibrille zu den Demonstranten Hong Kongs (um was geht es bei den Demonstrationen?), sondern nutze auch deren Parole: in etwa „Befreit Hongkong, die Revolution unserer Zeit!“. Das gefiel Blizzard überhaupt nicht und sie sperrten NG Wai für zwölf Monate. Auch sein Preisgeld von ca. 14500€ wurde kassiert. Die beiden Interviewer wurden ebenfalls entlassen. Als Begründung dient ein Auszug aus dem Regelwerk des Hearthstone-Turniers, in dem es heißt, dass Aktionen die jemanden „öffentlich in Verruf bringen, Teile oder einzelne Gruppen öffentlich beleidigen oder den Image von Blizzard schaden“ verboten sind und entsprechend bestraft werden.

Allein, dass Blizzard sich auf genau diesen Passus ihrer eigenen Regeln bezieht offenbart, dass mehr dahinter stecken muss als eine bloße Regelverletzung. Denn gegen keine der oben genannten Regeln hat NG Wai mit seiner Aktion verstoßen. Weder wurde jemand öffentlich in Verruf gebracht oder beleidigt, noch dem Ansehen Blizzards geschadet. Denn NG Wai hat nicht anderes getan, als Solidarität mit konkreten Protesten bekundet, die sowohl moralisch als auch menschlich nachvollziehbar sind. Aber halt! „Den Image von Blizzard schaden“? Man möge annehmen, dass Solidaritätsbekunden mit Demonstranten die für gewisse Freiheiten und Grundrechte und gegen eine Ein-Parteien-Diktatur auf die Straße gehen, dem Image einer Firma nicht schaden können. Aber weit gefehlt! Denn genau hier liegt der blizzard’sche Hund begraben. So mögen die Aussagen von NG Wai zwar in den USA oder Europa nicht dem Image Blizzards schaden – aber eben in China. Also in dem Land, gegen das sich die Proteste und die Aussage NG Wais richten.

Blizzard hat sich also dafür entschieden, dass ihnen der Absatzmarkt und das Image in China wichtiger sind, als unverhandelbare Menschenrechte, für die die Menschen in Hong Kong auf die Straße gehen. Besonders deutlich wird das dadurch, dass Blizzard in China selbst eine völlig andere Begründung für die Bestrafung der Interviewer und von NG Wai lieferte. Dort zeigt sich Blizzard nämlich regelrecht „empört“ über die Aktion NG Wais, die sie „scharf verurteilen“ und sie werden „weiterhin, wie auch schon in der Vergangenheit, die nationale Würde schützen.“

Nach dem Shitstorm veröffentliche Blizzard ein weiteres Statement, in dem sie NG Wai nun das Preigeld wieder zugestehen und seine Strafe um die Hälfte reduzieren. Auch die Interviewer dürfen nach einer sechs monatigen Sperre wieder arbeiten. Eine Entschuldigung oder Einsicht findet man in dem Statement nicht. Auch wird keine Stellung zu den Vorwürfen bezogen, dass man sich lieber einem Überwachungs-Regime anbiedert statt für Werte einzustehen, die sich das Unternehmen selbst auf die Fahne schreibt.

Die Prioriäten im Hause Activision Blizzard sind also klar verteilt. Money first, alles andere second. Überraschen sollte das wohl nicht. Immerhin ist Activision Blizzard auch die Firma, die nach einem Geschäftsjahr mit 1,8 Milliarden US-Dollar Gewinn, 800 Mitarbeiter auf die Straße setzt.

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