Story-Review: Anno 1800

Spoiler-Hinweis: dieses Review beschreibt insbesondere den Beginn der Kampagne recht detailliert, wobei einige Details bereits vor Veröffentlichung durch Entwickler Blue Byte bekannt gegeben wurden. Auch spätere Story-Wendungen werden zumindest angerissen oder auch im groben beschrieben. Wer also jegliche Spoiler vermeiden möchte, sollte nicht weiterlesen!

Was für eine dramatische Familiengeschichte! Da lassen wir uns fern ab von zu Hause die Sonne auf den Bauch scheinen, schlürfen Kokosnuss-Milch und genießen das Leben, als uns ein Brief unserer Schwester erreicht. Sie hat schlechte Nachrichten: unser Vater wurde wegen Verrats verhaftet und eingesperrt. Wir sollen schnellstmöglich nach Hause kommen und uns um die Sache kümmern. Und so schwer es auch fällt das Paradies hinter sich zu lassen, wenn die Familie ruft überlegen wir nicht zweimal.

Zuhause angekommen dann der Schock: unser Vater ist in Gefangenschaft gestorben – angeblich hat er sich selbst erhängt. Und bevor wir erfahren, warum unser bis dato sehr angesehener Vater überhaupt als Verräter gebrandmarkt wurde, schmeißt uns unser fieser Onkel Edvard geradewegs von der Familieninsel. Man könnte das für eine besondere Form der Trauerbewältigung halten und ihm das nachsehen. Da er jedoch keinen Hehl daraus macht, dass unsere Schwester und wir als Kinder eines Verräters an der Krone froh sein können, nicht auch gleich in ein dunkles Verließ geworfen zu werden, hält sich unser Verständnis für sein Verhalten arg in Grenzen. Gut, dass unsere Schwester genügend Geld zurückgelegt hat um eine unerschlossene Nachbarinsel zu kaufen, auf die wir uns flüchten und einen Neuanfang wagen können.

Nachdem unser Vater im Gefängnis gestorben ist und in der Familiengruft beigesetzt wurde, verlangt unser Onkel sogleich das Geld für die Beerdigung zurück.

Familiendrama pur

Hier beginnt Anno. Und mit diesem durchaus dramatischen Einstieg beginnt auch die Hoffnung, dass wir Spieler hier eine interessante und abwechslungsreiche Familiengeschichte erleben dürfen. Leider, so viel sei gesagt, erfüllt Anno 1800 diese Hoffnung nicht. Je weiter die Kampagne voranschreitet, desto schräger und weniger nachvollziehbar wird die Story. Sie driftet ab von einer Familientragödie zu einer albernen Verschwörungsgeschichte. Zunächst aber, mit Besiedeln unserer ersten Insel, fühlen wir uns durchaus noch wohl mit dem Story-Rahmen, denn das nachvollziehbare Familiendrama nimmt kurz nach Spielbeginn weiter seinen Lauf. Nicht nur, dass Onkel Edvard anscheinend wenig für seinen Bruder übrig hatte und sich auch nach seinem Tod nicht mit schlechten Worten über ihn und seine Kinder (also uns) nicht zurückhält. Nein, er will auch noch jeden einzelnen Taler der Beerdigungskosten unseres Vaters von uns zurückhaben.

Logisch wäre es, wenn wir ihm einfach etwas von unserem prall gefüllten Bankkonto übertragen würden. Statt dessen verlangt er aber Schnaps, Kleidung und Segeltuch als Wiedergutmachung. Macht als Storyelement wenig Sinn, aber hey, das hier ist immer noch Anno und was zählt da schon der schnöde Mammon? Hier ging es immer nur um Waren und Produktion, die das wahre Gold der Serie sind.

Nachdem wir unsere Schulden beglichen haben und einige weitere Verbündete unseres Vaters auf unsere Insel schaffen konnten, erfahren wir kurz darauf, dass sich unser Vater im Gefängnis wohl gar nicht selbst getötet hat. Diese Erkenntnis treibt die Story zwar voran, ist aber viel zu vorhersehbar und ausgelutscht, um wirklich überraschen zu können. Nun heißt es also folgerichtig nicht nur den Makel des Verrats von den Namen unseres Vaters zu nehmen, sondern auch seinen Mörder zu finden.

Wir verlassen das Paradies in der Neuen Welt nur ungern, um in die alte Heimat zurückzukehren. Aber die Story verschlägt uns später ohnehin wieder in die Neue Welt. Auch wenn von paradiesischen Zuständen dann keine Rede mehr sein kann.

Masken und Geheimbünde

Was der Beginn einer spannenden Jagd sein könnte, entpuppt sich leider als das genaue Gegenteil. Denn von hier an verliert die Geschichte deutlich an Fahrt. Sie wird weniger nachvollziehbar, dafür aber immer abgedrehter und dient mehr und mehr als bloßes Vehikel um uns Gameplay-Mechaniken wie zum Beispiel das Militär näher zu bringen.

Sobald wir die Expedition in die Neue Welt starten und uns mit der Insel Prosperity beschäftigen, um deren Besitzverhältnisse sich ein Großteil der späteren Geschichte dreht, wird die Erzählung sogar richtiggehend albern. Einen Auszug aus dem Tagebuch unseres Vaters gefällig, der die ganze Sache – nun ja – erklärt? „Mit dem Tagesanbruch kommt die Erkenntnis. Prosperity wurde an die berüchtigte Rebellin „Sarmento“ verkauft und ich muss als Letzter davon erfahren haben! Die Königin, die Nation hat die Waffen ergriffen, weil das Juwel der neuen Welt verloren ist! Die Wachen, von denen ich alles erfahren habe, dachten, ich wolle Sie zum Besten halten. Doch bin ich es, der hereingelegt und von Unbekannten um seine Insel gebracht wurde. Eigentlich können es nur jene Gestalten gewesen sein, die eines unheilvollen Tages zu mir kamen, maskiert und mit schauerlichen Symbolen bestickt. Sie drängten mich zum Verkauf. Aber ich verwies sie des Hauses und wünschte ihnen einen guten Tag!“

Der Anfang der Kampagne von Anno 1800 verspricht uns politische Intrigen, die zum gewählten Setting des Spiels passen. Er verspricht uns familiäre Konflikte, die nachvollziehbar sind. Letztendlich landen wir aber bei einem Geheimbund, dessen Mitglieder eine Vorliebe für Feuer haben, entsprechend auch Pyrphorier heißen (seufz), und – natürlich – lächerliche Masken tragen.

Kein Desaster, aber auch nichts für Story-Freunde

Ein Desaster ist das alles ist. Auch die spätere Kampagne hat durchaus noch positive Momente. So versucht Blue Byte zumindest später noch, aus dem eindimensionalen Charakter des Onkel Edvard etwas mehr Vielschichtigkeit rauszukitzeln. Das wirkt zwar auch gewollt, funktioniert aber zumindest teilweise. Gleiches gilt für viele der anderen, oft etwas arg klischeebehafteten Freunde und Feinde, denen wir auf unserer Reise begegnen.

In Summe lässt uns die Story also nicht vollends die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber im Laufe des Spiels immer öfter mit den Augen rollen. Und das tut doppelt weh, weil nach dem starken Beginn und dem Potential, das das Setting von Anno 1800 bietet, viel mehr möglich gewesen wäre. Statt eines Geheimbundes, hätten es auch Konflikte zwischen den Kolonialmächten oder den verschiedenen Gesellschaftsschichten getan. Und ohne ein komplett realistisches Geschichtsbild von Anno 1800 verlangen zu wollen, hätte eine besser in dieses Geschichtsbild eingebettete Geschichte der Kampagne wirklich gut getan.

Blue Byte ist mit seiner abgedrehten und albernen Kampagne etwas über das Ziel hinaus geschossen. Dadurch ist das Spiel für Story-Liebhaber zwar nicht vollends unspielbar geworden, dem Spaß sind so aber ordentliche und vor allem unnötige Dämpfer verpasst worden. Schade.

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