Wenn Spielern unpolitisch nicht reicht

The Division 2 sei kein politisches Spiel. Zumindest nicht in den Augen Terry Spiers, der neun Monate vor Veröffentlichung des Spiels sehr darum bemüht war, Politik von seinem Machwerk fernzuhalten. Terry Spier war als Creativ Director von Red Storm Entertainment entscheidend an der Entwicklung des kürzlich veröffentlichten Loot-Shooters beteiligt. USA-Flaggen, eine korrupte Regierung, Bürgerkrieg – es gibt sicher viele Themenfelder, denen man einen politischen Kontext eher absprechen würde als all dem. Wieso behauptet also einer der führenden Entwickler, dass das alles nicht politisch sei?

Machen wir es kurz: der Grund ist am Ende wie so oft das liebe Geld. Auch The Division 2 ist da keine Ausnahme. Spricht man dem Spiel eine politische Agenda ab, verringt sich die Gefahr potenzielle Käufer zu verprellen signifikant. Politik ist ein Minenfeld. Und wer sich als ein Unternehmen der Entertainment-Branche auf dieses Minenfeld begibt, kann in der Regel nur verlieren. Mit jeder politischen Aussage gewinnt man auf der einen, verliert aber auch auf der anderen Seite. Was liegt da näher, als zu behaupten nicht politisch zu sein und so keine Käufer zu verprellen? Das führt zwar zu vermeintlich abstrusen Aussagen wie der von Terry Spier, erfüllt aber trotzdem seinen Zweck. Daraus hat Ubisoft auch nie ein Geheimnis gemacht.

Kritik erfährt man bei derlei Marketing-Strategien als Unternehmen natürlich trotzdem. Von den Spielern, aber auch von der Presse. So verging kaum eine weitere Werbe-Aktion für The Division 2 ohne bissige und ironische Kommentare zum Thema des vermeintlichen unpolitischen Spiels: „Mexiko baut eine Mauer, um sich vor einer Invasion aus den USA zu schützen? Ist ja voll unpolitisch alles!“ Oder auch die unpolitische (Ironie, Ironie) Werbung für die Private Beta, die Bezug zum Haushaltsstreit in den USA nahm: „Schau dir mal an, wie ein richtiger Goverment-Shutdown aussieht!“. Für vermeintlich kritische Geister waren derlei Steilvorlagen durch die Marketing-Abteilung ein Fest. Das Problem dabei ist nur: The Division 2 ist tatsächlich nicht politisch. Oder zumindest nicht in der Art, wie viele den Begriff „politisch“ verstehen und verwenden.

Politisch ist nicht gleich politisch

Im Oval Office wartet mit einem Sammelobjekt ein Easter Egg auf die Spieler, das Bezug nimmt auf die Politik in der realen Welt

Sprach ich eben noch davon, dass man als Entwickler und Publisher aus wirtschaftlicher Sicht eine politische Agenda in der Regel tunlichst vermeiden sollte, liegt die Betonung hierbei auf Agenda. Es ist nämlich ein großer Unterschied ob man mit einer politischen Darstellung ein Programm und Ziel verfolgt oder diese Darstellung eine bloße Kulisse ist. Bei The Division 2 trifft letzteres zu. Natürlich dreht es sich im Spiel um Politik. Die Gesellschaft ist zusammengebrochen, die gewohnten Machtstrukturen existieren nicht mehr, der Präsident taucht in der Geschichte auf, es wird für Gerechtigkeit und die Wiederherstellung alter Strukturen gekämpft. Das ist alles politisch, da es einen Bezug zum realen gesellschaftlichen Leben hat, das in gewissem Umfang immer politisch ist. Das alles ist aber nicht in dem Sinne politisch, dass hier Politik gemacht, kritisiert oder Stellung bezogen wird.

In The Division 2 geht es um etwas anderes als Politik. Auch wenn viele der Symbole durchaus politisch aufgeladen sind. Wer die US-Nationalflagge im Wind wehen sieht, mag automatisch an Staat, Donald Trump, Wirtschaft und Kriege denken. Diese wehende Flagge ist im Spiel aber eingebettet in das alles umspannende Setting eines kollabierten Washington D.C. Und in Verbindung mit diesem Setting steht die Flagge nicht für den US-Haushaltsstreit, Einwanderungsgesetze oder eben Donald Trump. Sie steht für die Normalität eines Washington D.C. bevor mordende Banden durch die Straßen zogen und bevor ein Großteil der Bevölkerung durch ein tödliches Virus ausgelöscht wurde. Dabei ist egal, wie diese Normalität vorher aussah. Was klar ist: sie war besser und man möchte dorthin zurück.

Auch die militärisch geprägte Spezialeinheit der Division ist keine Hommage ans Militär oder ein Knicks vor dem Law-and-Order-Prinzip. Sie ist schlicht ein realistisches Werkzeug zur Wiederherstellung eines gesellschaftlichen Zustands, in dem Menschen nicht mehr willkürlich auf offener Straße hingerichtet werden. Auch hier also wieder: zwar gibt es einen politischen Bezug (politisch organisierte, militärisch anmutende Rettungseinheit Namens Divison), aber kein politisches Statement. Es ist schlicht das unter den gegebenen Umständen (Zusammenbruch der Zivilisation) realistische Mittel zur Wiederherstellung des normalen Leben. Wer darin militärfokussierte, spielbare US-Politik sieht, hält die Alarm für Cobra 11-Spiele auch für ein Programm zur Verkehrserziehung durch die BRD.

Gut gegen Böse

Neben Nationalflaggen und Militäreinheiten gibt es weitere Beispiele, bei denen man „Das ist jetzt aber politisch!“ ausrufen mag. Am Ende lässt es sich aber immer darauf herunterbrechen, dass The Division 2 einen politischen Anstrich haben mag, dieser aber nur Mittel zum Zweck ist – und der Zweck ist hierbei Bösewichter aus unserem Vorgarten zu vertreiben.

Die Kommandozentrale im Weißen Haus ist klar militärisch organisiert, obwohl es sich bei weitem nicht nur um ehemalige Militärs handelt

Zugegeben: Entwickler Massive Entertainment macht es uns wirklich nicht immer leicht, diese Grenze zu erkennen. Dadurch, dass ihre Werbung auf reale politische Ereignisse Bezug nimmt, steht Politik natürlich im Fokus. Auch innerhalb des Spiels gibt es derlei Bezüge immer wieder. So kann der Spieler im Oval Office des Weißen Hauses ein Telefonat hören, das die Grenze zu Mexiko ein weiteres mal zum Thema hat. Bei diesen Verknüpfungen zur realen Politik handelt es sich aber nicht um relevante Spielinhalte, sondern eben um Werbung (die ja auch erwartungsgemäß funktioniert haben dürfte) oder Easter-Eggs.

Politik ist innerhalb des Spiels also durchaus vorhanden. Das bleibt bei einem realistischen Setting nicht aus. Denn alles in unserer Welt kann aus dem einen oder anderen Winkel als politisch erachtet werden. Demnach ist die Aussage „Alles ist politisch.“ auch nicht falsch. Bei The Division 2 greift das aber zu kurz.

Denn auch wenn einiges an Symbolik und das Story-Setting besonders politisch erscheinen, ist und bleibt es nichts als Kulisse. Eine Kulisse, die nicht dazu gebaut wurde politisch zu sein, sondern um das Böse zu bekämpfen – ohne dabei politisch Farbe bekennen zu müssen. Denn wenn Outcasts aus Zorn ganze Familien verbrennen und Hyenas aus Langeweile Menschen erschießen geht es nicht mehr um Politik. Es geht um Gut gegen Böse, wie man es halt kennt.

Marodierende Banden wie die Hyenas ziehen durch Washington und ermorden wahllos Zivilisten. Das ist moralisch, aber nicht politisch.

Unpolitisch ist nicht politisch genug

Bei der Debatte darum, ob The Division 2 nun politisch sei oder eben nicht, geht letztlich aber um mehr als die Aussage der Entwickler ihr Spiel sei unpolitisch. Denn die vielerlei geäußerte Kritik an der Aussage der Entwickler, dass The Division 2 unpolitisch sei, impliziert ja automatisch, dass das Spiel eben doch politisch sei – was gäbe es sonst an der Aussage zu kritisieren? Nicht selten war in diesem Zusammenhang von „verpasster Chance“ zu lesen und zu hören. Und so kann man bei der geäußerten Kritik vor allem eines erkennen: dadurch dass die Entwickler behaupten The Division 2 sei unpolitisch, gibt es entsprechend auch keine Möglichkeit sich politisch zu positionieren. Gedanken wie „Wie viel wäre bei diesem Setting möglich gewesen!“ und „Da wurde so viel Potential, die aktuelle US-Politik aufzugreifen, liegengelassen.“ kamen dem ein oder anderen mit Release des Spiels anscheinend öfter.

Und ja, die aktuelle US-Politik mit einer gefährlichen Witzfigur als Präsidenten bietet enorm viel Angriffsfläche. Und The Division 2 mit dem Setting bietet tatsächlich enorm viel Potential diese Angriffsfläche zu nutzen. Aber: muss ein Entwickler das?

Politische Spitzen (siehe Grenze Mexiko) die eine gewisse politische Tendenz erahnen lassen gibt es ja durchaus. Aber die indirekte Forderung nach mehr, nur weil Politik irgendwie ins Setting passen könnte, verkehrt ein Unterhaltungsprodukt in ein politisches Instrument. Das heißt keineswegs, dass Spiele nicht politisch sein sollen. Aber es heißt, dass man die Entscheidung ob und wenn ja wie weit ein Spiel politisch sein soll, den Menschen überlassen sollte, die das Spiel entwickeln. Alles andere macht Spiele nämlich ganz grundsätzlich zu politischen Statements, die gefälligst zu tätigen sind, wenn Spiele allein das Potential dazu haben. Und so schwingt in der Behauptung, The Division 2 sei entgegen der Entwickleraussagen politisch, eben oft auch ein wenig der Wunsch mit, dass ein vermeintlich ja ohnehin politisches Spiel sich stärker in eine gewisse Richtung positionieren möge. Was gleichzeitig ein Vorwurf und der eigentlich Kern der Kritik ist, warum es eben diese Position nicht einnimmt.

Terry Spiers Aussagen eines unpolitischen Spiels kann man hinterfragen. Auch wenn man ihm bei näherer Betrachtung durchaus zustimmen dürfte. Ebenso hinterfragen sollten die Spieler aber auch sich selbst und ihre eigenen, politischen Beweggründe, warum sie der Meinung sind, dass The Division 2 nicht unpolitisch sei – und es auch nicht sein darf.

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