Nur noch schnell die Vorgänger spielen

Es ist schon eine Krux mit guten und erfolgreichen Spielen. Wir haben etliche Stunden Spaß und versinken in Welten, aus denen wir im Idealfall nie wieder auftauchen möchten. Wir freunden uns mit Charakteren an, die uns durch diese Welten begleiten. Und wir genießen Geschichten, die am liebsten immer weiter erzählt werden sollen. Und doch ist eines sicher: irgendwann ist auch das schönste Spiel zu Ende. Daran konnte bisher auch das Konzept eines Games-as-a-Service nichts ändern. Derlei „Dauerspiele“ haben in der Regel ja ohnehin weniger ein Interesse daran, uns weiter mit tollen Geschichten zu beglücken, als vielmehr mit neuen Skins und Lootboxen.

Und auch wenn das Service-Modell bei Entwicklern und Publishern immer beliebter wird, können wir uns glücklicherweise auch noch an klassische Fortsetzungen erfreuen. Was auf den ersten Blick wunderbar erscheint – und auch tatsächlich wunderbar ist – kann aber immer wieder auch zur Qual werden. Denn je erfolgreicher eine solche Spieleserie ist, desto mehr Fortsetzungen gibt es in der Regel auch (Half-Life zählt nicht). Denken wir zum Beispiel an Assassin’s Creed, das mit all seinen Ablegern inzwischen satte elf Teile zählt. Oder an Far Cry: fünf Hauptteile. Oder an Call of Duty: irgendwas weit über zehn, ich habe aufgehört zu zählen.

Die Assassin’s Creed-Reihe strotzt nur so voll verschiedener Titel. Wer soll die jetzt noch alle spielen?

Für die einen ist ein solcher Fortsetzungs-Wahn ein verabscheuungswürdiges Ausquetschen einer Marke. Für andere ist es willkommenes neues Futter ihrer Lieblingsreihe. Beide Fraktionen sind zu beneiden: während die einen gar nicht erst in die Versuchung kommen, den neuesten Teil zu kaufen, ist bei den anderen der Kauf schon vor Release fix eingeplant. Es gibt aber noch eine weitere Fraktion an Spielern, für die jeder neue Teil ein richtiges Dilemma darstellt: die Fraktion der Späteinsteiger.

Ein aktuelles Beispiel, bei dem einige Menschen dieser Fraktion ins Grübeln kommen werden, ist der jüngste Spross aus dem Metro-Universum. In nahezu jedem Preview zu Metro: Exodus stellte sich die Frage, ob das beklemmende Gefühl der Untergrund-Vorgänger nicht zu sehr im Oberflächen-Nachfolger fehlen wird. Einher gehen solche Überlegungen natürlich mit entsprechender lobender Erwähnung, der Ursprungstitel. Blöd nur, wenn einen der Aurora-Hype-Train aus Exodus anfixt, man Metro 2033 und Metro: Last Light aber bisher auf dem Pile of Shame hat liegen lassen. Muss ich die Vorgängertitel gespielt haben, um Exodus zu verstehen? Gewinnt der neueste Teil an Tiefe, wenn ich mich durch die Vorgänger im Universum auskenne? Oder sind die beiden ersten Teile für Exodus so irrelevant, dass nicht ein Fünkchen von ihnen auf den neuesten Teil überspringt?

Dass ein Nachfolger komplett ohne, und seien es auch nur klitzekleine, Bezüge zu Vorgängern auskommt, ist eher selten. Macht die alles entscheidende Frage, ob ich als Spieler denn nun zunächst die früher erschienen Teile einer Serie spielen sollte, aber umso schwerer. Gäbe es nämlich überhaupt keinen Bezug zwischen den verschiedenen Teilen, könnte ich ruhigen Gewissens zum neuesten Teil greifen. Nie müsste ich das Gefühl haben, etwas verpasst zu haben. Aber eine Spiele-Serie verhält sich eben nicht anders als eine TV-Serie: die Folgen hängen nun einmal per Definition irgendwie zusammen; mindestens durch den Titel (Outer Limits) bis zu komplexen Storyverflechtungen (Game of Thrones). Die Frage, ob die Vorgänger eines Spieles für einen aktuellen Ableger grundsätzlich interessant sind, stellt sich also nicht wirklich, denn die Antwort ist fast immer: ja sind sie – mal mehr, mal weniger.

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“

Aber eben dieses „mal mehr, mal weniger“ abzuwägen, ist für Nicht-Serien-Kenner enorm schwer. Insbesondere wenn man aufgrund der Spoilergefahr nicht diverse Websites und Foren zu der betreffenden Spieleserie durchforsten möchte, um herauszufinden, in wie weit Story und Charaktere aus den ersten Teilen auf den jüngsten Spross Einfluss haben. Entsprechend bleibt die Entscheidung für oder wider ein Spielen der Vorgänger ein Abwägen aus oft wenig bekannten Fakten und, nennen wir es mal: Intuition. Der durchschnittliche Videospieler, der sich um derlei Gedanken macht, dürfte gut einschätzen können, dass die Wichtigkeit der Vorgänger-Titel bei einem Call of Duty weniger stark ausgeprägt sein dürfte, als bei einem Tomb Raider (Reboot). Dafür braucht er nichts davon gespielt haben, es reicht eine gewisses Grundverständnis vom Spielemarkt. Wirklich sicher sein, kann man sich dabei aber natürlich nicht, es handelt sich eben um eine intuitive erste Einschätzung.

Vermengt wird diese Ersteinschätzung in der Folge mit harten Fakten wie Verfügbarkeit, Preis, Alter und Spieldauer der Vorgänger. So fällt es wohl leichter, sich den alten Metro-Teilen zuzuwenden um erst danach Exodus zu spielen, als etwa die komplette Dragon Age-Saga zu beginnen, bevor im nächsten Jahr der neueste Teil erscheint. So ist die Spieldauer von Metro 2033 und Metro: Last Light zusammengenommen nicht mal halb so lang, wie der erste(!) Teil von Dragon Age. Auch was Grafik und Technik betrifft, fällt der Griff zu den alten Metro-Teile sicher leichter, als zu Dragon Age: Origins, dem man das Alter deutlicher anmerkt. Ganz besonders, weil es von Metro 2033 und Metro: Last Light inzwischen sogar Remakes gibt.

Dragon Age: Origins ist wohl der beste Teil der Reihe, inzwischen aber auch acht Jahre. Das sieht und merkt man dem Spiel an.

Man sieht: selbst wenn man sich dazu entschieden haben sollte, dass es durchaus ein Gewinn wäre, die Vorgänger eines Titels zu spielen, gibt es möglicherweise noch einige Hürden, die einen an der Umsetzung dieses Vorhabens hindern könnte. „Ich will unbedingt wissen, was vorher alles in Dragon Age passiert ist, bevor ich mir den neuen Teil kaufe. Aber weit über 100 Stunden Spielzeit? Und wirklich schön ist das Spiel auch nicht. Überhaupt sieht das ganz schön hakelig aus.“ – sicher keine seltenen Gedanken bei Leuten, die heute noch überlegen bei Biowares Dragon-Age-Story einzusteigen. Man merkt älteren Titel einfach enorm an, wie sehr sich die Spiele inzwischen weiterentwickelt haben und vor allem: wie sehr man sich selbst an diese neue Entwicklungen und Spieldesigns gewöhnt hat.

Dabei ist die Lösung des Dilemmas doch offensichtlich: wer alles spielt, kann nichts verpassen! Das Dilemma würde quasi eliminiert. Da dieses Konzept aber selbst für Hardcore-Zocker mit der Realität nicht kompatibel sein dürfte, bleibt also nur eines: jedes mal aufs neue die schwere Entscheidung treffen, ob man die Vorgänger spielt und für die Vorteile wie Storyverflechtungen und keine Fear-of-missing-out, die Nachteile wie veraltete Technik, altbackenes Gameplay und natürlich die „verbrauchte Zeit“ in Kauf nimmt – oder eben nicht.

Es ist also toll, wenn Spiele Nachfolger bekommen, für einige ist es aber auch ein steter, innerer Kampf. Denn ich will doch wissen was vorher in der Reihe alles passiert ist, muss dafür aber auch Zeit, Nerven und Geld investieren? Ist es das wert? Ja! Nein! Ach, ich weiß auch nicht.

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