E-Sport ist kein Sport. Na und?

„E-Sport hat mit Sport nichts zu tun. Wir müssen diesen Begriff ausradieren“ – Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) auf dem Turn- und Sportkongresses in Darmstadt 

Ausradieren klingt nicht schön. Sogar ziemlich martialisch. Insofern war es keine Überraschung, dass die Gaming-Community mal wieder explodiert ist. Das geschieht ja inzwischen mit einer solchen Regelmäßigkeit, so dass ich mir die Frage stelle, ob es sich dabei wirklich um anlassbezogene Meinungsbildung handelt oder nicht eher um eine ritualisierte Empörung. Immerhin hat ja jemand aus der Politik – Buh! – etwas Kritisches zum Gaming – Yeah! – gesagt, und das geht mal gar nicht!

Wobei fraglich ist, ob es der Begriff Gaming denn überhaupt trifft. Immerhin klingt der nach sinnlosem Zeitvertreib und Abwesenheit von frischer Luft. Dabei ist das Steuern von Zauberern mit Mausklicks und der Torschuss mit Doppel-Kreis nichts anderes als Sport! Jawoll! So richtiger, echter Sport! Wer assoziiert bei dem Begriff Sport schon Joggen, Fußball oder Tennis? Eben, niemand. Außer konservative Politiker natürlich. Aber was wissen die schon. Den Weltgewandten schießt selbstverständlich nichts anderes als Counter-Strike oder StarCraft ins Hirn, wenn sie nach Sport gefragt werden.

Das ist natürlich Quatsch, wird aber kaum jemand zugeben, der selbst gerne in virtuelle Welten eintaucht, um sich dort zu messen. Oder anderen dabei zusieht. Zu sehr sind diese Jemands damit beschäftigt, Video- und Computerspiele gesellschaftlich zur Akzeptanz zu verhelfen, freilich ohne zu merken, dass das gar nicht mehr nötig ist. Ein Kampf gegen Windmühlen.


Selbstreflexion statt Beißreflex

Es mag vor fünfzehn Jahren noch geboten gewesen sein, Gaming grundsätzlich zu verteidigen, ohne sich dabei zu sehr mit Details aufzuhalten („Wen interessiert schon die Gewalt, ist ja nicht real und hat nichts zu bedeuten!“). Heute ist Gaming aber etabliert genug, um auch mal den Generator der Selbstreflexion anwerfen zu können, bevor der alte Beißreflex gegen jedwede Kritik, der alles so schön einfach macht, die Oberhand gewinnt.

Das Ergebnis kann ja gerne das gleiche sein, aber der Weg dahin sollte überdacht werden. Statt also „E-Sport ist Sport!“ und „Ewiggestrige Politiker!“ in die Kommentarfelder zu krähen, kann man sich auch fragen: warum ist mir eigentlich so wichtig, dass E-Sport Sport genannt wird? Denn nichts anderes hat der hessische Innenminister Peter Beuth infrage gestellt. Schon gar nicht verurteilt er Gaming an sich, sagt sogar „Gaming hat seinen Wert.“ Trotzdem liest sich ein Großteil der Kommentare so, als würden mal wieder Anti-Gaming-Geschütze der Politik aufgefahren.

Dabei kritisiert Beuth schlicht die Bezeichnung E-Sport, weil es mit dem allgemeinen Verständnis von Sport, nämlich körperliche Betätigung in einem gewissen Umfeld, nichts zu tun hat. Und damit hat er recht! „Mir ist noch nicht klar, wie Bewegen aus Daumen und Zeigefinger Sport sein soll […]“, sagt er weiter. Und um ehrlich zu sein: mir ist das auch nicht klar. Und ich spiele seit über fünfzehn Jahren Computer- und Videospiele.

Dass der hessische Innenminister bei seinen Ausführungen anscheinend Daddelei mit kompetitiven Wettkämpfen vermischt, mag einer der Hauptgründe für seine Haltung sein. Aber selbst wenn er sich der Unterschiede bewusst ist und wir von professionellen E-Sport-Teams sprechen, darf hinterfragt werden, ob die Bezeichnung Sport: Erstens richtig und Zweitens notwendig ist.

Ist E-Sport Sport?

Ersteres ist natürlich eine reine Definitionssache. Gerne wird das Argument der professionellen Wettkampfstrukturen herangeführt, um E-Sport als Sport zu definieren. Damit könnte man aber auch Stapeln von Klopapierrollen als solchen bezeichnen, fänden sich nur genug Idioten diese Betätigung auszuführen und ihr einen entsprechenden Wettbewerbsrahmen zu geben. Hat da wer Hotdog-Wettessen gesagt?

Oder man könnte ein paar schwarze und weiße Figuren über ein gekacheltes Feld schieben und mit kluger Strategie den gegnerischen König in die Knie zwingen. Das sei ja auch Sport. Und es stimmt schon, dass Schach es gemeinhin leichter hat als Sport anerkannt zu werden, als zum Beispiel League of Legends. Das ist aber eher aus historischer Gewohnheit der Fall. Oder wie Norbert Kartmann, Präsident des Hessischen Turn Verbandes und ebenfalls auf der Veranstaltung anwesend, bei der auch Peter Beuth zugegen war, es ausdrückt: „Wenn sie mich fragen: Würden Sie Schach heute noch aufnehmen, dann hätte ich meine Zweifel“. Anders ausgedrückt: Schach ist auch kein Sport!

So könnte man weiter das Für und Wider von Argumenten und vor allem von Sportdefinitionen abarbeiten, am Ende wird es aber immer darauf hinauslaufen, ob zu der Definition von Sport auch körperliche Betätigung gehört, so wie es beispielsweise der Duden definiert: Sport ist eine „nach bestimmten Regeln [im Wettkampf] aus Freude an Bewegung und Spiel, zur körperlichen Ertüchtigung ausgeübte körperliche Betätigung“. Ist diese körperliche Betätigung ein festes Kriterium für die Definition von Sport, fällt E-Sport nun mal nicht darunter – ein Fingerzucken ist keine körperliche Betätigung. Geht man hingegen davon aus, dass eine körperliche Betätigung nicht unbedingt notwendig ist, um als Sport zu gelten, hat es der E-Sport deutlich leichter als Sport durchzugehen – aber eben auch alles andere mit Wettkampfstrukturen.

Wen interessiert das eigentlich?

Viel spannender und diskussionswürdiger ist aber eigentlich der zweite Punkt: warum legt die Gaming-Community so viel Wert darauf, E-Sport als Sport definieren zu dürfen? Die Antwort liegt, wie bereits zu Beginn angedeutet, in dem immer noch währenden Komplex, einem Feind gegenüber zu stehen, gegen den Gaming grundsätzlich zu verteidigen ist.

Aus dieser Perspektive ergibt der Kampf um die Worthoheit dann auch durchaus Sinn. Der Begriff E-Sport lässt sich außerhalb der eingefleischten Community sicher leichter etablieren als zum Beispiel E-Competition. Unter Sport kann sich eben jeder was vorstellen. Man bedient sich mit der Verwendung des Begriffes E-Sport ja gerade eben an den Errungenschaften des echten Sports, mit all den Sponsoren, Wettkämpfen, Teams, Übertragungen und so weiter. E-Sports soll nichts anderes ausdrücken als: „Hey, schaut her! Wir können auch professionell Wettkämpfe austragen, die euren Wettkämpfen in nichts nachstehen!“.

Das zeugt nicht von Autonomie und Selbstbewusst, sondern vom genauen Gegenteil. Es hat ein bisschen was von einem kleinen, unscheinbaren Bruder, der im Schatten des strahlenden Ältesten steht und auch endlich wahrgenommen werden möchte. Dabei ist Gaming allgemein, aber eben auch die Professionalisierung des Gaming, inzwischen so weit voran geschritten, dass eine solche Haltung überflüssig ist. Eine professionelle und etablierte Szene und milliardenschwere Branche hat es nicht (mehr) nötig, sich das Etikett „gesellschaftlich wertvoll“ von woanders – dem Sport – zu holen, sondern kann und sollte auf eigenen Füßen stehen.

Denn egal ob Spieler, Zuschauer, Manager oder Sponsor: man darf mitfiebern, mitspielen, mitverdienen ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, weil das alles ja „nur“ auf einem Bildschirm stattfindet und ohne vorgeben zu müssen etwas sein zu sein, das man per Definition ohnehin nicht wirklich ist, nämlich Sport.

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